Besuch im Sozialarchiv

Besuch in einer längst vergangenen (Sport) Welt

Anton Kilchmann

Neben dem Bahnhof Stadelhofen – nicht unweit vom Bellevue – steht ein stattliches, unscheinbares rund 300 Jahren altes Haus. Schon etliche Male bin ich von der S-Bahn herkommend achtlos an diesem Gebäude an der Stadelhofstrasse 12 im Kreis 1 vorbei gehastet. Ich wusste nicht, was für ein «Schatz» in diesem Gebäude eigentlich schlummert. Es ist der Sitz des «Schweizerischen Sozialarchiv» mit Spezialbibliothek, Dokumentationsstelle und Forschungsfonds für gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Wandel sowie soziale Fragen und Bewegungen.

Die stellvertretende Direktorin, Susanne Brügger – die regelmässig bei Jules im Fitnesstraining mittut – hatte uns zu einem Besuch eingeladen. Doch halt – stopp! Archiv? Museum? In mir krochen scheinbar vergessene Erinnerungen aus der Kindheit hoch. Stundenlanges stehen mit Erwachsenen vor Glaskästen mit komischen Dingen drin und Gestellen mit verstaubten Büchern. Aber ich habe meinen «inneren Schweinehund» überwunden und stehe nun mit 18 andern Interessenten vom «TVU Sport für Alle» vor dem Eingang zum Bahnhof Stadelhofen, wo uns Susanne in Empfang nimmt.

Wunderbare Decke im Lesesaal

Sie führt uns in den Vortragssaal; an der Wand hängen Plakate aus längst vergangenen Zeiten der Arbeiterbewegung. Auf Tischen verteilt liegen Broschüren und Bücher aus der Geschichte, als die Arbeiter um die Verbesserung ihrer Rechte und Arbeitsbedingungen kämpfen mussten. Die 50-Stunde Woche war Standard, am Samstagmorgen wurde gearbeitet und die Akkordarbeit mit ihrem Kampf gegen die Stoppuhr war noch weit verbreitet. Aber auch die Frauen lebten unter schwierigen Bedingungen: Kein Stimmrecht, ohne Einwilligung des Ehemanns kein Bankkonto, keine Kitas usw. Wenn wir uns heute umschauen, haben sich viele Bedingungen massiv verbessert – vielleicht liegt hier auch der tiefere Grund, wieso die Arbeiterbewegung an Bedeutung verloren hat; es ist der Preis für ihren Erfolg. Aber natürlich gibt es neue, gesellschaftliche Bewegungen wie beispielsweise die Frauenbewegung, die darauf abzielen, vorhandene Missstände zu bekämpfen. Auch sie gilt es zu dokumentieren für zukünftige Generationen.

Starter-Pistole für Wettkämpfe

In ihrem Referat geht Susanne auch auf die Turnvereine der damaligen Zeit ein. Vom Turnverein Unterstrass gibt es nur sehr wenige Unterlagen – mehr finden wir wahrscheinlich im Stadtarchiv. Für die Arbeiterbewegung war der SATUS (Schweizerischer Arbeiter- Turn- und Sportverband) der massgebende Verein. Die «verruckelten» Filme aus der damaligen Zeit wirkten irgendwie eigenartig auf uns: stämmige Männer in Badehosen mit Hosenträger stürzen sich vom Sprungturm; Bundesräte schwangen patriotische Reden und die stolzen Fahnenträger posierten vor der Rednerbühne. Aber selbst in der Arbeiterbewegung hatten die Frauen nicht viel zu vermelden: mit übergrossen Blumensträussen bildeten sie die Kulisse der Ehrendamen …

Die anschliessende Führung durch das Gebäude offenbarte die Schönheit dieses Gebäudes. An der Infostation des Lesesaals hat man Zugriff auf digitale Sammlungen und Datenbanken anderer Institutionen – ich machte einen kurzen Ausflug in das Rolling-Stones-Archiv. Der eigentliche Lesesaal ist ein «Bijou»; wunderbar und gut besetzt von Jung und Alt. Eine Unmenge an Informationen über die Arbeiterbewegung ist greifbar; es gibt eine Abteilung Archiv, Abteilung Dokumentation und eine Abteilung Bibliothek.

Schon fast traditionell endet der Anlass mit einem reichen Apéro in einem wiederum wunderbaren Saal. Dort übergebe ich Susanne ein kleines Geschenk für ihre interessante Führung.

Schluss Apéro 5.12.2025

Nach dem Apéro ist aber noch nicht Schluss. Wer noch mag, Interesse und Zeit hat, steigt hinunter in die Niederungen des Untergeschosses. Meterlange Kompaktus-Anlagen sind gefüllt mit Fotographien, Filmen, Videos, Tonaufnehmen, Plakaten, Objekte usw. Sogar noch Jacken aus der Frühzeit der Rocker-Bewegung, als die «schweren Jungs» noch mit «Zuckerwasser-Töfflis» und nicht Harley-Davidson unterwegs waren, schlummern friedlich vor sich hin.

Susanne Brügger, stv. Direktorin                  Markus Jost als «Wochenend-Rocker» der «Töffli-Buebä»

Dann war aber endgültig Schluss mit der Führung und mit einem Dankeschön verabschiedeten sich die Teilnehmenden von Susanne – zukünftig werde ich keinen Bogen mehr um Archive machen …

PDF

Kontakt