Silvesterlauf

Zwischen Helfer und VIP-Apéro

Anton Kilchmann

Wir zählen den zweiten Sonntag im Dezember – Zeit für den Silvesterlauf des TV-Unterstrass. Ich habe mich als Helfer gemeldet. Eigentlich schlafe ich am Sonntag gerne aus, aber ich muss heute um halb zehn bei der Helferbaracke beim Stadthaus sein. Dicke Nebelschwaden liegen noch über der Scheuchzerstrasse und «gut eingepackt» stapfe ich zur Tramhaltestelle hoch. Die VBZ haben an diesem Sonntag den Fahrplan total umgestellt, gespannt warte ich, ob überhaupt ein Tram kommt. Die VBZ-Leute haben ihren Job gemacht und pünktlich fährt das Tram in die Haltestelle ein. Vom Bellevue aus passiere ich die Quaibrücke in Richtung Stadthaus. Noch immer versteckt sich die Sonne über dem Nebel und es ist empfindlich kalt. Dann der erste «Aufsteller» des Tages: Dutzende von jungen Leuten, bereits eingekleidet mit der blauen Jacke und der violetten Mütze des Silvesterlaufes, plaudern aufgestellt in kleinen Gruppen vor der Helferbaracke. Sie alle sind früh aufgestanden, um als Helfer oder Helferin den Silvesterlauf zu unterstützen. In der Öffentlichkeit höre ich immer von einer anderen Jugend: Handysüchtig, «kei Lust», gierig nach schnellem Geld, tätowiert bis zum Hals, Schlägereien am Fussballmatch usw. Gespannt trete ich in die Helfer-Baracke ein: auch hier gute Stimmung; eine Helferin passt mir sofort eine blaue Jacke an und am hintern Ausgang bekomme ich einen heissen Kaffee. Der Tag hat schon einmal gut angefangen.

Kurt und Standchefin Rahel im Einsatz

Draussen warte ich auf meinen Freund Kurt Wissmann vom «TVU-Sport für Alle», auch er hat sich als Helfer gemeldet. Mittlerweilen ist es kurz vor zehn und wir schlendern zu unserem Einsatzort – dem Informationsstand am Bürkliplatz. Dort empfängt uns Rahel, die Standchefin, eine junge, ruhige und ausgesprochen nette Person und erklärt uns die Arbeit und Ausrüstung. Im Innern der Baracke ist es warm und es hat Spielsachen zum Zeichnen, kleine Süssigkeiten und etwas zum Trinken für die Kinder, die ihre Eltern verloren haben und hier auf sie warten dürfen. Damit wir als Helfer des Informationsstandes gut erkennbar sind, erhalten wir eine orange Warnweste. Kaum stehen wir draussen müssen wir die ersten Fragen beantworten: wo sind die Garderoben? Gibt es Schliessfächer? Gibt es noch Ersatzsicherheitsnadeln für die Befestigung der Startnummer? Klar – haben wir natürlich. Wir haben den Bändel für den Duo-Lauf verloren – wo gibt es Ersatzbändel? Klar – auch diese haben wir in Reserve. Dann erscheint ein 2-Meter-Mann und will seine Tasche im Container deponieren. Nein – das geht leider nicht. Er weist uns ein E-Mail vom OK vor und entpuppt sich als Feuerwehroffizier, der den Lauf mit einem Atemschutzgerät bestreiten will. Er darf also seine Sachen bei uns deponieren.

Kurt und Toni mit dem «rasenden» Feuerwehroffizier

Mittlerweile ist die Uhr auf 11:00 h vorgerückt und Monika Meile ist als Verstärkung zu uns gestossen. Sie hat uns blaue Matten mitgebracht, damit die Füsse nicht zu stark abkühlen. Bald wird es mit der Ruhe vorbei sein, denn die Familien mit Kindern sind gestartet und anschliessend ebenfalls die Schulklassen. Und dann erlebe ich den zweiten «Aufsteller» des Tages: Familien mit Kindern mit Behinderung nehmen am Lauf teil. Ganz nervös treten die Kleinen von einem Fuss auf den andern und können es kaum erwarten, loszurennen.

Hunderte von Kindern strömen aus dem Zielbereich

Nach dem Ziel haben die Kinder mit Eltern abgemacht, an welchem Treffpunkt sie dann warten werden: beim Hasen, beim Schlittschuh usw. Viele Eltern bringen die Geduld nicht auf und strömen Richtung Zieleinlauf, um dort ihre Liebsten in Empfang zu nehmen. Das würde unweigerlich zu einem unübersichtlichen Chaos und zu einem Gedränge führen. Simone Baumann vom Organisator «fernblau» postiert deshalb Kurt und mich an den Ausgang des Zieleinlaufes, um die ungeduldigen Eltern zurückzuhalten. Und dann kommen die Kleinen – schnaufend mit grossen Augen und roten Backen und stolz die Medaille um den Hals werden sie von den Eltern in Empfang genommen. Verrückt – ganze Schulklassen mit ihren Lehrerinnen oder Lehrern drängen heran. Hunderte von Kindern sind angekommen, praktisch alle haben ihre Eltern wieder gefunden und nur wenige werden bei uns «abgegeben» und warten im Container auf ihre Eltern.

Vom Frauenmünster tönen die Glocken herüber – es ist 12 Uhr und ich mache mich auf den Weg zum VIP-Apéro im Restaurant «Terrasse», zu dem ich als Präsident des «TVU-Sport für Alle» eingeladen bin. Gleich drei Stadträte geben dem Verein die Ehre: Raphael Golta, Vorsteher des Sozialdepartements; Michael Baumer; Vorsteher des Departements der Industriellen Betriebe und Andreas Hauri, Vorsteher des Gesundheits- und Umweltdepartements. Genau nach Programm hält Andreas Hauri um 12:30 Uhr seine Ansprache mit viel Lob für den Silvesterlauf und den TV-Unterstrass. Ihm folgt die unterhaltsame Ansprache des Präsidenten des Vereins Zürcher Silvesterlauf, Stefan Mühlemann. Ich genehmige mir noch zwei von den schmackhaften Brötchen – dann ist für mich der Apéro auch schon vorbei und ich gehe zurück zu meinem Einsatz beim Informationsstand.

Am Informationsstand ist nun etwas Ruhe eingekehrt. Es finden gerade die Eliteläufe der Frauen und Männer statt. Vermehrt fragen Teilnehmende vom Duo-Lauf, wo und wie der Wechsel von Läufer*in 1 zu Läufer*in 2 erfolgen muss. Die Zeit vergeht für mich wie im Fluge und um 14:30 Uhr wird mich Karl-Heinz Oetiker ebenfalls vom «TVU-Sport für Alle» ablösen.

Gut gelauntes Info-Team: Kurt, Monika, Alka aus Bern (!) und Toni

Es bleibt gerade noch Zeit für eine Schlussfoto – dann muss ich rasch zum Geburtstag meines Enkels, wo die Familie auf mich wartet, damit der Enkel die drei Kerzen auf seiner Geburtstagstorte ausblasen darf. So endet mein Tag bei einem vielleicht zukünftigen Teilnehmer am Silvesterlaufs.

PDF

Kontakt